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Interview mit Professor Brachat: Geht das Dieselzeitalter langsam zu Ende?

 

Der Diesel-Skandal ist nicht nur für die Kunden ein zehrender Prozess. Auch der Autohandel ist betroffen und steht vor großen Herausforderungen. adesion Leasing sprach mit dem Autohandelsexperten Professor Hannes Brachat, Herausgeber der Fachzeitschrift AUTOHAUS, über Folgen der Debatte und die Zukunft des Diesels.

Herr Professor Brachat, welche Auswirkungen hat der Diesel-Skandal auf den Autohandel?
Der Diesel-Skandal zieht sich inzwischen über drei Jahre hin. Wer unterscheidet dabei noch zwischen dem Software-Betrug von VW und der generellen Diesel-Malaise um die Stickoxidreduzierung? Eine verworrene Situation. Der Diesel wurde förmlich runtergeredet und die Autoindustrie inklusive der Zulieferer hat über sich ergehen lassen, wie das geschah.

Der Handel ist je nach Marke und Geschäft unterschiedlich betroffen. Einige Händler haben ihre Dieselfahrzeug-Bestände über diese drei Jahre Zug um Zug bereinigt. Klar, mit Verlusten. Andere sehen sich aktuell Leasing-Rückläufern gegenüber. Dort muss man auf die einzelne Marke schauen. Bei Opel hat jeder Händler die Verluste aus dem einzelnen Geschäft selbst zu tragen. Bei Volkswagen hat der Händler die Wahl, ob der Konzern das Restwertrisiko trägt oder der Händler, der dafür zwei Prozent  mehr Marge erhält. Je nach gewähltem Modell bleibt da einer auf kräftigen Verlusten sitzen. Das macht bei manchem Händler für 2018 allein einen Verlust von einer Million Euro und mehr aus. Da weiß auch mancher zur Stunde noch nicht, wie seine Zukunftsperspektive aussieht.

Die Frage ist also, mit welchen Zahlungen der Hersteller bei der jeweiligen Marke pro Modell für 2018 unter die Arme greift. Klar, wer als Händler betroffen ist, wird auch für 2018 Droh-Rückstellungen bilden müssen. Tatsache ist, dass sich die Diesel-Malaise am Markt in ruhigeren Zonen bewegt. Aber ausgestanden, vor allem für die Industrie, ist sie 2019 nicht.

Was macht der Autohandel mit den Diesel-Modellen, die auf den Autohöfen stehen und kein Interesse bei den Käufern wecken?
Je nach Fall mit Verlust verkaufen oder ins Ausland unter anderem über den Auktionsmarkt international sehr umweltgerecht abschieben.

Ist der Dieselmotor dem Untergang geweiht?
Die Zukunftsfähigkeit des Diesels ist unbestritten. Das beweisen die Dieselfahrzeuge, die aktuell auf den Markt kommen – also Euro 6d-Temp. Aus technischer Sicht hat der Diesel nach wie vor ein großes Potenzial. Die Abgasnachbehandlung, die aber für die Fortentwicklung notwendig ist, ist sehr teuer. Es werden sich daher immer mehr Hersteller vom Diesel abwenden. Nicht wegen der möglichen Technik, sondern aus Kostengründen.

Würden Sie heute noch einen Diesel kaufen?
Klar! Es gibt genügend Regionen, in denen einer nicht von einem Diesel-Fahrverbot betroffen ist. Der kann weiter seinen Diesel ohne Einschränkungen kaufen beziehungsweise fahren. Vom Fahrverbot betroffen sind Diesel Euro 4, mit Zeitversatz – je nach Stadt – Euro 5. Von insgesamt 46 Millionen Pkw auf deutschen Straßen sind über 15 Millionen Diesel-Pkw. Von den Lkw ganz zu schweigen. Der Diesel wird also hierzulande auf den Straßen noch lange anzutreffen sein. Tatsache aber ist, dass das Dieselzeitalter zu Ende geht und die Hersteller strategisch auf Hybrid- und E-Fahrzeuge umrüsten. Toyota ist aus gutem Grunde in Sachen Hybridantriebe an erster Stelle. Die deutschen Hersteller werden daher ihre Produktstrategie zügig ändern.

Halten Sie Fahrverbote für sinnvoll?
Die Frage greift zu kurz. Es entscheiden heute in Deutschland Gerichte über ein Fahrverbot. Der Kläger ist die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Ein Mini-Verband gibt vor, was zu tun ist. Das muss man sich erst einmal reinziehen! Fahrverbote in dieser Form gibt es nur in Deutschland. Gesucht ist für die Zukunft grundsätzlich das emissionsfreie Automobil. Das ist das eine. Das andere ist die Verkehrsmenge. Wie gelingt Verkehrsreduzierung? Beide Aspekte müssen wirken. Da sind ohne Frage in den letzten zwanzig Jahre sichtbare Fortschritte erzielt worden. Kann eine Verkehrsreduzierung nur über ein Fahrverbot gelingen? Sind wir Autofahrer bereit, unsere hochgeschätzte mobile Freiheit freiwillig zu ändern?

Man kann sich des Eindrucks allerdings nicht erwehren, dass da manche Aktivisten wie die DUH unterwegs sind, die das Auto im Grundsatz ablehnen. Heute die Diesel, morgen die Benziner, übermorgen das E-Auto und dann alle. Kein Verkehrsträger bietet so viel Individualität, Freiheit, Unabhängigkeit, Lebensqualität und Emotionalität wie das Auto. Es geht also um ein Gleichgewicht zwischen Ökologie und Ökonomie und individuellen Freiheitsgraden. Darüber sollten aber bei Gott keine Gerichte, sondern eine aktive Politik befinden. Dennoch sagt der Lateiner zu recht: Ne quid nimis! Nichts im Übermaß!