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Drei Fragen an Ulrich Winzen zur Gegenwart und Zukunft der Elektromobilität

 

Ulrich Winzen, selbstständiger Analyst. Er ist als freier Mitarbeiter für das Fachmagazin Automobilwoche tätig und Partner der Kölner Unternehmensberatung meos automotive consulting.

Steht Elektromobilität in Deutschland vor dem Durchbruch?
Ja natürlich, aber es wird noch etwas dauern. Die eigentliche Modelloffensive beginnt erst 2020/2021. Bis dahin muss noch viel an der Infrastruktur gearbeitet werden. Darüber hinaus wird es für die Hersteller erst Anfang 2021 ernst, wenn die neuen CO2-Grenzwerte von 95 Gramm pro Kilometer für den Flottenverbrauch eines Konzerns gelten. Zudem preisen sie die E-Mobile von morgen als neue, fortschrittliche Technologie an, die besser ist als alles, was zurzeit auf dem Markt ist. Also warum soll der Verbraucher jetzt schon kaufen?

Überdies muss der potenzielle Käufer noch von der unbekannten Technologie überzeugt werden. Hier könnten Flottenmanager eine wichtige Rolle spielen: Wenn sie ihre Fuhrparks mit E-Mobilen ausrüsten, verlieren die Fahrer eher die Scheu vor dem Neuen. Dadurch könnte eine schnellere Akzeptanz erreicht werden. Aber selbst dann wird es nach einer Prognose von meos automotive consulting bis 2023 dauern, bevor reine E-Mobile in Deutschland einen zweistelligen Marktanteil erreichen.     

Schaffen wir einen nachhaltigen Verkehr mit der Umstellung auf Elektroantrieb?
Das wäre zu schön, aber da gibt es einige Probleme. Generell wird der Individualverkehr nie ganz nachhaltig sein, da kein Fahrzeug jemals komplett aus wiederverwertbaren Rohstoffen hergestellt werden wird.

Gleiches gilt für das Fahren: Zwar wird beim reinen E-Mobil kein Kraftstoff mehr verbrannt, aber die Stromerzeugung in Deutschland ist noch lange nicht nachhaltig. Selbst wenn sie irgendwann überwiegend aus erneuerbaren Energien gewährleistet ist, bleibt das Problem der Batterieherstellung, die keineswegs nachhaltig ist. Die benötigten Rohstoffe sind endlich und befinden sich zudem konzentriert in wenigen Ländern. Dies birgt neben absehbaren Engpässen hohes politisches Konfliktpotenzial.

Wie kann die Mobilität der Zukunft aussehen?
Bis wir in München ins Auto steigen und bis nach Ostfriesland fahren, ohne einmal zu „tanken“ und aktiv das Fahrzeug gesteuert zu haben, wird noch viel Zeit vergehen. Zum autonomen Fahren gibt es zwar tolle Studien und Versuche, aber um die erwähnte Strecke voll automatisiert fahren zu können, müssen zunächst schnelles Internet und Mobilfunk in 5G an jeder „Milchkanne“ verfügbar sein – das kann noch einige Jahre dauern. Dennoch wird sich in den kommenden zehn Jahren mehr verändern als in den vergangenen 50: Reine E-Mobile werden eine alltagstaugliche Alternative sein und intelligente Assistenzsysteme werden uns autonom durch Innenstadtbereiche und in Parkhäuser führen. Außerdem wird das Auto zunehmend zur Kommunikationszentrale, dass das Smartphone unterwegs ersetzt.


Auch der Pkw-Vertrieb wird sich dramatisch verändern: E-Mobile werden über Internetportale vertrieben und der Verbraucher will nicht nur „sein“ Auto kaufen, sondern seine Mobilität komplett abgedeckt haben. Dazu gehören neben dem eigenen Pkw vernünftige Carsharing Angebote: ein Stadtauto für den Einkauf, einen Kombi für den Urlaub, aber auch die Buchung von Flügen verbunden mit einem Flughafentransfer. Diese Aufgaben können von externen Dienstleistern übernommen werden – oder von den Herstellern, die dafür allerdings komplett und relativ schnell umdenken müssen. Die Gewährleistung der Mobilität von morgen ist also mehr, als „nur“ ein Auto zu verkaufen. Dabei haben die Hersteller einen Image-Vorteil, der ihnen einen Wettbewerbsvorsprung geben kann. Sie müssen sich nur darauf vorbereiten, besser heute als morgen.